Stadtwerke-Gruppe errichtet Innovationspark

Projektleiter Gerhard Sawatzky (vorne) präsentiert Im Innovationspark Sektorenkopplung einen von vier neuen Wasserstoffbussen: (von links) moBiel-Aufsichtsratsvorsitzender Jens Julkowski-Keppler, Stadtwerke-Geschäftsführer Rainer Müller, Kai-Uwe Steinbrecher (technischer Leiter moBiel), Stadtwerke- und moBiel-Geschäftsführer Martin Uekmann, MVA-Aufsichtsratsvorsitzender Detlef Werner, Oberbürgermeister Pit Clausen, Stadtwerke-Aufsichtsratsvorsitzende Dr. Wiebke Esdar und MVA-Geschäftsführer Thomas Pörtner.

02.12.2021 | 11:51

geschrieben von  Hans-Heinrich Sellmann

Wasserstoffbusse in Bielefeld angekommen

Die Stadtwerke Bielefeld Gruppe stellt die Weichen in Richtung Zukunft und hat jetzt wichtige Maßnahmen im Kampf gegen den Klimawandel konkretisiert. Die vier Wasserstoffbusse sind bereits in Bielefeld angekommen, die dafür notwendige Tankstelle nimmt auf dem Gelände der Müllverbrennungsanlage deutliche Formen an und auch die Planungen für die Herstellung von eigenem grünen Wasserstoff werden weiter vorangetrieben.

Neben der MVA entsteht auf einer Fläche von rund 6.600 Quadratmetern der Innovationspark Sektorenkopplung mit Abstellhalle für die Busse, Tanks und Tankvorrichtung. „Wir sind sehr stolz darauf, was hier in wenigen Monaten geleistet worden ist“, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Rainer Müller. „Es ist unübersehbar, dass Energie- und Verkehrswende vor Ort stattfinden.“ Natürlich sei die Erprobung von Wasserstofftechnik im Busverkehr ein Projekt der Verkehrsbetriebe moBiel. „In die Errichtung des Betriebsgeländes mit allen erforderlichen Nebeneinrichtungen sind aber insgesamt 36 Fach- und Sachbereiche der Stadtwerke-Gruppe eingebunden.“ Auch die Unterstützung von etwa 30 Fremdfirmen dürfe nicht vergessen werden. Für Martin Uekmann, Stadtwerke- und zugleich moBiel-Geschäftsführer, ist die Wasserstofftechnik ein Meilenstein im Kampf gegen den Klimawandel: „Zum einen ist Wasserstoff gut geeignet, den Verkehr möglichst effizient und emissionsarm zu betreiben. Zum anderen ist das Gesamtprojekt ein Beitrag für die von uns angestrebte Sektorenkopplung, die wir als Schlüssel in der Umsetzung von Energie- und Verkehrswende sehen.“ Die Kopplung von ÖPNV, Energieversorgung und Abfallwirtschaft werde deutlich, wenn künftig mit dem in der MVA gewonnenen Strom grüner Wasserstoff für Busse produziert werde.

Der Bielefelder Oberbürgermeister Pit Clausen sieht in dem Innovationspark einen sehr wichtigen Beitrag für das Ziel der Stadt, bis 2035 vollständig klimaneutral zu sein. „Ich habe immer betont, dass die Stadtwerke bei diesem Vorhaben ein entscheidender Partner sind. Und nicht nur durch dieses Projekt wird deutlich, wozu die gesamte Unternehmensgruppe im Stande ist“, sagt Pit Clausen. Dr. Wiebke Esdar, Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtwerke, ergänzt: „Die reibungslose Zusammenarbeit aller Beteiligten hat den außergewöhnlich schnellen Projektfortschritt ermöglicht. Die Umsetzung eines solchen Kopplungsprojektes, das wegweisend für den Klimaschutz ist, kann nur gelingen, weil die Stadtwerke-Gruppe so breit aufgestellt ist.“ „Bereits jetzt verfügen alle Busse des moBiel-Fuhrparks über die Euro VI-Abgasnorm und damit die höchste Abgasnorm für mehr saubere Luft in Bielefeld. 40 Prozent des Fuhrparks sind inzwischen Hybridbusse und die Stadtbahnen sind ohnehin vollelektrisch mit grün zertifiziertem Strom unterwegs. Das zeigt, dass moBiel bereits sehr verantwortungsvoll und umweltbewusst agiert. Das Wasserstoffprojekt ist der logische nächste Schritt für mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz“, sagt Jens Julkowski-Keppler, Aufsichtsratsvorsitzender der moBiel.

Die Wasserstoffbusse
Voraussichtlich noch in der ersten Jahreshälfte 2022 werden Fahrgäste auf der Probestrecke zwischen Baderbach und Schildhof (Linie 29) in wasserstoffbetriebene Busse einsteigen können. Der portugiesische Hersteller Caetano liefert an moBiel vier 12-Meter-Fahrzeuge vom Typ H2 City Gold, die in Deutschland erst seit etwa einem Jahr auf dem Markt und derzeit in der Erprobungsphase sind. An der Front tragen die Busse inzwischen das Logo des japanischen Mobilitätskonzerns Toyota, zu dem der Hersteller der Busse seit einigen Monaten gehört. Für eine Reichweite von etwa 350 bis 400 Kilometern sorgen je fünf Wasserstofftanks, die 37,5 Kilogramm Wasserstoff aufnehmen können. „Die Reichweite entspricht in etwa dem, was unsere Busse am Tag schaffen müssen“, sagt moBiel-Projektleiter Gerhard Sawatzky. Das sei ein großer Vorteil gegenüber batterie-elektrischen Bussen. Denn die vier Busse können so den ganzen Tag auf der 7,6 Kilometer langen Linie 29 im Einsatz sein, ohne dass sie zwischendurch betankt werden müssen. In der Brennstoffzelle der Busse reagiert Wasserstoff mit Sauerstoff und erzeugt so während der Fahrt permanent elektrische Energie. Diese wird in der Batterie auf dem Fahrzeugdach gespeichert oder treibt direkt den 245 PS starken Elektromotor an. Schädliche Abgase entstehen dabei nicht, nur Wasserdampf. Und auch Geräuschemissionen werden stark gesenkt: Die Busse sind beinahe lautlos unterwegs. Die zweitürigen Niederflur-Fahrzeuge haben 37 Sitzplätze und bieten den Fahrgästen damit ähnlich viel Platz wie die Dieselbusse. „Vertrautes Design trifft hier auf hochinnovative Technik. Ein rundum gelungenes Konzept“, findet Gerhard Sawatzky.

Die Wasserstofftankstelle
Und auch beim Tanken sehen die moBiel-Experten deutliche Vorteile gegenüber dem Alternativbetrieb. „Ein Ladevorgang wird nur knapp zehn Minuten dauern. Das ist viel schneller als bei batterie-elektrischen Bussen“, sagt moBiel-Technik-Chef Kai-Uwe Steinbrecher. Dafür steuern die Busse in Bielefeld den neuen Innovationspark Sektorenkopplung an. Dort sind die Tanks für 1000 Kilogramm Wasserstoff ausgelegt und werden zunächst mit Tanklastwagen versorgt. Zunächst können etwa 100 Kilogramm Wasserstoff pro Tag getankt werden, später soll eine Betankung von 400 Kilogramm pro Tag möglich sein. Zum Vergleich: Eine normale öffentliche Wasserstofftankstelle gibt zurzeit etwa 5 Kilogramm pro Tag ab.

Der Elektrolyseur
„Perspektivisch ist der emissionsfreie und geräuschlose Brennstoffzellenbus nur dann ein echter Beitrag zum Klimaschutz, wenn grüner Wasserstoff in ausreichender Menge zur Verfügung steht“, sagt SWB-Geschäftsführer Rainer Müller. Denn nur diese Variante erzeuge bei der Herstellung kein CO₂.

Ebenfalls für das Gelände der MVA laufen deshalb die Planungen für die Errichtung eines Elektrolyseurs, der Wasserstoff produzieren kann, weil er Wasser in seine Grundelemente Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. „Dabei handelt es sich um grünen Wasserstoff, weil er durch die Elektrolyse mit Strom aus der Müllverbrennungsanlage gewonnen wird und der wiederum zu mehr als 50 Prozent aus biogenen Quellen wie zum Beispiel Holz, Papier oder Pflanzen- und Speisereste stammt“, sagt Thomas Pörtner, Geschäftsführer der MVA Bielefeld-Herford GmbH. „Für das Projekt liegt inzwischen die Förderzusage des Bundesverkehrsministeriums vor. Damit wird der Elektrolyseur zu 45 Prozent finanziert werden können“, sagt MVA-Aufsichtsratsvorsitzender Detlef Werne.

Förderung und Finanzen
Das gilt für den kompletten Innovationspark, in den für die erste Ausbaustufe insgesamt etwa 13,5 Millionen Euro investiert werden. „Nur dank der Fördermittel durch das Land NRW können die Wasserstoffbusse und die Tankstelle beschafft werden. Denn wirtschaftlich betreiben lassen sie sich noch nicht“, sagt Kai-Uwe Steinbrecher (moBiel). Die Treibstoffkosten der vier Brennstoffzellenbusse liegen pro Jahr um rund 15.000 Euro über denen von Dieselbussen. Auch die Kosten für den Betrieb und die Wartung der H2-Tanstelle werden einen spürbaren Mehraufwand verursachen. Die Kosten für die Tankstelle werden zu 90 Prozent gefördert, die Mehrkosten zu einem Euro-6-Bus mit 60 Prozent. Über die konkreten Kaufpreise von Bussen und Tankstelle ist Stillschweigen vereinbart worden. „Wir freuen uns über die gute Entwicklung der Projekte und über die breite Unterstützung aus der Politik“, sagt Kai-Uwe Steinbrecher.